Autismus (frühkindlicher Autismus)

Ursachen: Was sind die Ursachen von Autismus?

Der frühkindliche Autismus (Kanner-Syndrom) ist eine emotionale Entwicklungsstörung, die bereits vor dem dritten Lebensjahr auftritt. Die betroffenen Kinder (Autisten) sind in ihrer sozialen Wahrnehmungsfähigkeit beeinträchtigt und können nur eingeschränkt Kontakt zu ihrer Umwelt aufbauen. Als Ursache des Autismus werden erbliche Faktoren und Stoffwechselstörungen im Gehirn vermutet. In Deutschland sind zwischen 0,1 bis 0,6 Prozent der Kinder von frühkindlichem Autismus betroffen. Jungen erkranken bis zu viermal häufiger als Mädchen.

Vom frühkindlichen Autismus abzugrenzen ist das sogenannte Asperger-Syndrom, eine leichte Form des Autismus, die sich erst nach dem dritten Lebensjahr bemerkbar macht.


Beschwerden: Wie äußert sich Autismus?

Bei einem frühkindlichen Autismus treten drei Hauptmerkmale auf: Gestörte soziale Bindungen, verzögerte Sprachentwicklung und sich zwanghaft wiederholende (stereotype) Verhaltensweisen.

Gestörte soziale Bindungen
Autistische Kinder können nur begrenzt mit ihrem sozialen Umfeld Kontakt aufnehmen und ziehen sich in eine eigene Gefühls- und Gedankenwelt zurück. Sie wirken von der Außenwelt isoliert und zeigen kaum ein Bedürfnis nach Zuwendung. Auf direkten Blickkontakt und emotionale Reize wie Lächeln oder Weinen reagieren sie nur ganz schwach. Besonders auffällig ist der leere Blick, eine Art „Hindurchsehen“, begleitet von einer ausdruckslosen Mimik und Gestik.

Da sich die Kinder nicht in andere Menschen hineinversetzen können, fällt es ihnen schwer, die Gefühle und Handlungen anderer zu deuten und Gesamtzusammenhänge einzuordnen. In sozialen Situationen verhalten sie sich oftmals untypisch, zum Beispiel schreien sie plötzlich laut, verletzen sich selbst oder lachen scheinbar ohne Grund. Je stärker der frühkindliche Autismus ausgeprägt ist, desto auffälliger bleiben die Kontaktstörungen auch im Erwachsenenalter bestehen.

Verzögerte Sprachentwicklung
Rund die Hälfte der Kinder mit frühkindlichem Autismus entwickelt nur eine verzögerte bis gar keine sinnvolle Sprache. Autisten mit weniger ausgeprägten Sprachstörungen betonen die Wörter oft monoton oder fallen durch eine eher ungewöhnliche Aussprache auf. Sie wiederholen aufgenommene Worte zwanghaft (Echolalie), erfinden Fantasie-Ausdrücke oder vertauschen die Personen – „ich“ wird zum Beispiel zu „du“. Es gelingt Menschen mit Autismus häufig nicht, mit anderen Personen sprachlich zu kommunizieren, da sie die Inhalte und Bedeutungen nicht verarbeiten können. Viele autistische Kinder verständigen sich daher über Bilder- und Buchstabenkarten.

Stereotype Verhaltensweisen
Kinder mit frühkindlichem Autismus zeigen Verhaltensweisen, die sich immer wieder zwanghaft wiederholen (Stereotypien). Typisch sind auffällige Bewegungen wie stundenlanges Schaukeln, Klatschen oder auch zwanghafte Fixierungen auf Gegenstände, die sich bewegen, zum Beispiel fließendes Wasser. 

Den Zugang zur Außenwelt finden autistische Kinder meist nur durch immer wiederkehrende Rituale, die den Tagesablauf bestimmen und ihnen Sicherheit und Orientierung vermitteln. Werden diese klar strukturierten Handlungsabläufe oder das gewohnte räumliche Umfeld verändert, reagieren Kinder mit frühkindlichem Autismus oft mit Wutausbrüchen und Ängsten. Man spricht auch von einer sogenannten „Veränderungsangst“, die selbst bei kleinsten Abweichungen zu heftigen Reaktionen führen kann. 


Diagnose: Wie wird Autismus diagnostiziert?

Wenn der Verdacht auf frühkindlichen Autismus besteht, ist es zunächst wichtig, andere Krankheitsbilder wie geistige Behinderungen, Hyperaktivität im Kindesalter (ADHS) oder psychische Erkrankungen wie Schizophrenie als Ursache auszuschließen. Nach der neurologischen Untersuchung erfolgt die psychiatrische Beurteilung durch einen Kinder- und Jugendpsychiater. Dazu füllen sowohl die Eltern als auch der behandelnde Arzt Beobachtungs- und Fragebögen aus, in denen sie die Verhaltensauffälligkeiten des Kindes detailliert beschreiben. Für die eindeutige Autismus-Diagnose sind folgende, charakteristische Symptome bedeutend:

Gestörte soziale Bindungen
  • Eingeschränkte soziale Interaktion
  • Ausdruckslose Mimik und Gestik
  • Ausweichender Blickkontakt
  • Mangelnder Kontakt zu Gleichaltrigen
  • Beeinträchtigtes Einfühlungsvermögen
  • Schwache Reaktion auf die Emotionen anderer

Verzögerte Sprachentwicklung
  • Mangelndes Sprachverständnis
  • Zwanghaftes Wiederholen von Wörtern und Sätzen
  • Eigentümliche Betonung
  • Monotoner Sprachgebrauch

Stereotype Verhaltensweisen
  • Zwanghafte Beschäftigung mit Gegenständen
  • Sich wiederholende motorische Auffälligkeiten wie zum Beispiel stundenlanges Wippen, Drehen, Verbiegen der Hände
  • Stark ritualisierte Tagesabläufe und Handlungen



Behandlung: Wie kann Autismus behandelt werden?


Zur Behandlung von frühkindlichem Autismus haben sich psychotherapeutische und körperbetonte Therapieformen durchgesetzt: Dazu gehören zum Beispiel die Verhaltenstherapie, Ergotherapie, Musiktherapie, Begegnungen mit Therapietieren sowie gezieltes Sprachtraining. Medikamente (wie bestimmte Psychopharmaka) können Autismus nicht heilen, aber gegebenenfalls unterstützend die Symptome abschwächen.

Ziel der Behandlung des frühkindlichen Autismus ist es, die autistischen Kinder in ihren sozialen und kommunikativen Fähigkeiten zu fördern, damit sie aktiver an ihrer Umwelt teilnehmen können. Auch der Abbau von stereotypen Verhaltensweisen und das Erfahren des eigenen Körpers sind wichtige Punkte einer ganzheitlichen Therapie. Da der frühkindliche Autismus eine Herausforderung und Belastung für die ganze Familie bedeutet, ist eine dauerhafte Eltern- und Familientherapie empfehlenswert.


Prognose: Wie ist die Prognose von Autismus?

Der Verlauf eines frühkindlichen Autismus hängt davon ab, wie stark die Symptome in der Kindheit ausgeprägt sind und ob noch zusätzliche geistige Behinderungen vorliegen. Oft bleiben die Autismus-Symptome, mehr oder weniger stark ausgeprägt, ein Leben lang bestehen. Nach der Pubertät bessern sich die Beschwerden aber häufig. Bei einem konkreten Verdacht auf Autismus ist es sinnvoll, rechtzeitig mit der Therapie zu beginnen, um das Kind möglichst früh sozial zu integrieren und zu fördern.


Vorbeugung: Wie kann man Autismus vorbeugen?

Die genauen Mechanismen eines Autismus sind noch nicht bekannt. Da die Ursachen aber hauptsächlich genetisch bedingt sind, lässt sich einer autistischen Störung nicht vorbeugen.


 

 

Weitere Informationen

 

Buchtipps

 

 

Weitere Informationen zu Autismus
Bundesverband zur Förderung von Menschen mit Autismus: www.autismus.de
Rollett, B., Kastner-Koller, U.: Praxisbuch Autismus für Eltern, Erzieher, Lehrer und Therapeuten. Urban & Fischer, München 2007


Autor: Miriam Lossau, Dr. med. M. Waitz
medproduction, www.medproduction.de  
Datum: September 2009
Letzte Aktualisierung: Januar 2011
Durch: M. Sc. Nadja Graßmeier, Ernährungswissenschaftlerin
Quellen:
Leitlinien der Deutschen Gesellschaft für  Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie et al.: Leitlinien zur Diagnostik und Therapie von psychischen Störungen im Säuglings-, Kindes- und Jugendalter. AWMF-Leitlinien-Register Nr. 028/018 (Stand: 11/2006)
Machleidt, W. et al.: Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie. Thieme, Stuttgart 2004
Möller, H.-J. et al.: Psychiatrie. Hippokrates, Stuttgart 1995
Remschmidt, H. et al.: Das Asperger-Syndrom – eine Autismus-Spektrum-Störung. Deutsches Ärzteblatt  2007; 104(13): A-873
Steinhausen, H.-C.: Psychische Störungen bei Kindern und Jugendlichen. Urban & Fischer, München 2010

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Letzte Aktualisierung: 22.01.2012   |    Seite drucken seite drucken    empfehlen seite versenden 
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